Life stories

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Life tells a lot of stories. Some of them that I have lived in Italy, Tanzania, Berlin, Frankfurt, New Zealand or the rest of the world I would like to share here. Some might be sad, some philosophical, most will be funny. Most will be in English, but some may also be in German (and on rare occasions in Italian). Feel free to comment on any given story in either of these languages. I would love to hear what you think and feel when you read those stories.
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Von Südwest nach Nordost

Life is interestingPosted by Jules Sat, November 16, 2013 22:39:35

Von meinen jüngsten Reisen quer durch Deutschland sind mir zwei beeindruckende Begegnungen besonders im Gedächtnis geblieben, die interessanterweise beide mit Recht und Veränderung zu tun haben.

So stieg ich etwa eines frühen Abends in den Bus gen Nordost, freute mich über eine Sitzgelegenheit mit Tisch, nickte meiner Sitznachbarin freundlich zu und nahm Platz. Mehr Kommunikation fand erst einmal nicht statt, sie war auch noch etwas „zugeknöpft“ mit den Kopfhörern im Ohr. Irgendwie kam es dann doch zu einer Unterhaltung und so sprachen wir über dies und das, wohin sie führe, wohin es für mich gehe, was wir beruflich machten. Als ich von meinem juristischen Hintergrund berichtete, flackerte ersichtlich Interesse in ihren Augen auf. Sie fragte mich, wie das mit Kündigungsfristen bei einem langen Arbeitsverhältnis sei. Ihr sei zwar noch nicht gekündigt worden, doch habe sie auf dem inoffiziellen Wege bereits gehört, dass sie als nächste gehen müsse. Diese Aussicht berührte sie verständlicherweise sehr, hatte sie doch ihr gesamtes Arbeitsleben in den Dienst des Unternehmens gestellt, war mit dem Chef auch persönlich befreundet, liebte ihre Arbeit, und kann sich überhaupt nicht vorstellen, ihr Leben zu ändern. Ich hoffe, ich konnte ihr die Angst etwas nehmen, riet ihr, sich juristisch gut auf die ja nur eventuell bevorstehende Kündigung vorzubereiten und die nächste Zeit zu nutzen um zu überlegen, wie es für sie im Fall der Fälle beruflich weiter gehen könnte. Veränderungen, auch wenn wir sie uns nicht selbst aussuchen, können ja durchaus eine Chance bedeuten. Wenn man seine Existenz bedroht sieht, hat man dafür sicherlich nicht so den Sinn – dennoch, meist geht das Leben ja doch irgendwie weiter. Zum Abschied reichte mir meine Gesprächspartnerin die Hand – eine in heutigen Zeiten zwischen zwei Fremden eher unübliche Geste. Mich hat diese Begegnung sehr berührt.

Bei anderer Gelegenheit fuhr ich per Zug von Südwest nach Nordost. Ich kam von einem Vorstellungsgespräch, war entsprechend gekleidet, und wollte mir nur schnell im Bordbistro ein Wasser holen, als ich dort von einem jungen Mann angesprochen wurde. Er hatte offensichtlich Redebedarf und ich war ein dankbares Opfer. Einstieg in die Unterhaltung war wieder einmal meine juristische Tätigkeit, auf die wir wegen des Anzugs zu sprechen kamen. Als er davon hörte, wollte er gleich wissen, ob ich mich im Strafrecht gut auskenne. Die Hoffnung musste ich ihm leider nehmen. Nun, es sollte ihn nicht aufhalten, mir aus seinem noch jungen aber äußerst ungewöhnlichen Leben zu berichten. Er tat das auf eine sehr gewinnende Art, ohne große Dramaturgie, mit einem fröhlichen Unterton in der Stimme. So erfuhr ich, dass er in verschiedenen Heimen aufgewachsen und deshalb quer durch die Republik gekommen war. Er habe schon früh mit kleinen Straftaten begonnen und sei deshalb ziemlich rasch „per Du“ mit den zuständigen Jugendstrafrichtern und Staatsanwälten gewesen. Schon bald habe er gemerkt, dass er ein besonderes Talent dafür habe, Menschen verbal zu überzeugen. Es habe ihn trotzdem immer wieder erstaunt, wie glimpflich er davon gekommen sei. Irgendwann waren jedoch auch die Bewährungsstrafen ausgereizt und so wanderte er für 14 Monate ins Gefängnis. Dort stieg er schnell zum Gefangenensprecher auf und wickelte die Bibliothekarin um den kleinen Finger. Mit dem neu erworbenen Russischbuch lernte er ein wenig Russisch, empfand aber als das Schlimmste an dieser Zeit die Langeweile. Irgendwie kam ich bei seinen Schilderungen nicht immer ganz mit, er redete auch sehr schnell, jedenfalls war er wohl erst am Tag zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden und befand sich jetzt auf dem Weg zu einer Betäubungsmittel-Therapie, durch die er die Haft verkürzen konnte. Er erschien mir als Person ganz gefestigt, hatte Träume von einer Familie, wollte deshalb nicht mehr als Koch arbeiten, und beteuerte er wisse schon, dass er ein sehr sympathisches Kerlchen sei. Ich hatte den Eindruck, tatsächlich einen sehr vielseitig begabten jungen Mann vor mir zu haben und wünschte ihm, dass er mit seinen einzigartigen Erfahrungen und Fähigkeiten noch vielen Menschen helfen könnte. Nach seinem sehr selbstbewussten Auftreten war ich dann aber doch überrascht, wie sanft sein Händedruck zum Abschied war.





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